Die Harfe in Mittelerde – Teil 4

Fortsetzung von Teil 3

Die Menschen

Der nächste Abschnitt führt uns zu den Menschen.

Es ist nicht bekannt seit wann die Menschen in Mittelerde die Harfe spielen. Irgendwann im Ersten Zeitalter sind die Menschen auf ihren Wanderungen aus dem Osten den Elben und Zwergen begegnet. Von wem sie die Handwerkskunst und Instrumentenbau gelernt haben, wissen wir nicht. Wahrscheinlich sind Einflüsse von beiden Seiten.

Wenn die Harfen von den Zwergen übernommen wurden, dann müssten die Menschen die Bauart verändert haben, da sie keine fein geschmiedeten Metallsaiten herstellen konnten. Daher spricht einiges dafür, dass die Menschen sich eher an die Harfen-Bauweise der Dunkel-Elben, die in den wilden Wäldern des Ostens lebten, orientiert haben.

Bei jener ersten Wanderung der Menschen über die Blauen Berge nach Beleriand, als Finrod Felagund sie am Lagerfeuer schlafen fand , hatten sie eine kleine ungefüge Harfe bei sich. Durch die Harfenmusik und die Lieder die Felagund zu Beor und seinen Männern sang, wurden diese Menschen zu den engsten Verbündeten der Noldor aus dem Westen. Die Bauart der Harfen der Menschen dürfte sich seit jenem denkwürdigen Treffen durch all die Zeitalter nur geringfügig verändert haben.

Während eines Genesungsurlaubes von der Armee im Jahre 1917 schrieb J.R.R. Tolkien seine erste Geschichte: „Der Fall von Gondolin“. In dieser Erzählung wird die Harfe gleich sieben Mal erwähnt. Hier einige Beispiele:

„…Tuor aber wohnte nicht mehr bei ihm (seinem Volk) und lebte allein an dem See, Mithrim genannt, und wenn er nicht in den Wäldern jagte, musizierte er am Seeufer auf seiner ungefügen Harfe, aus Holz und den Sehnen von Bären gemacht. Nun kamen viele, die von seinen kraftvollen, rauen Liedern gehört hatten, von nah und fern, um seinem Harfenspiel zu lauschen…“ „…erschienen aber die Sterne in dem schmalen Streifen Himmels über der Rinne, schlug er die Harfe, und Echos antworteten ihrem harschen Gezupf.“

„…und all diesen Dingen gab er Namen seiner eigenen Erfindung und fügte sie ein in neue Lieder für seine alte Harfe…“

„… Da erhob er seine Stimme, schlug die Saiten der Harfe, und über das Brausen des Wassers erhob sich sein Lied und das weiche Trillern der Harfe, und die Felsen warfen die Töne zurück und vervielfachten sie.“ (9)

Auch wird erzählt, dass die Elben von Gondolin über die Größe der Harfe erstaunt waren.

Von den Harfen der Menschen hören wir erst wieder sehr viel später. Bei den Rohirrim am Ende des Dritten Zeitalters wird die Harfe wieder erwähnt. Sie spielten zu Tänzen und sangen die alten feierlichen Lieder und Geschichten am Lagerfeuer und auf ihren Ritt in den Krieg.

Ihre Stimmen, begleitet von der Harfe, dürfte für die Zuhörer ähnlich geklungen haben als die Lieder Tuors vor zwei Zeitaltern. Auch in einigen Tälern von Gondor wurde dieses Instrument gespielt. Im Herrn der Ringe wird geschildert, wie zur Krönung Aragorns die Harfenspieler Gondors ihre Lieder erklingen ließen. (10)

Tuors Harfe würden wir heute als Reiseharfe oder Wanderharfe bezeichnen. Vermutlich wurden, wie bereits oben angeführt, während der Drei Zeitalter von Mittelerde die Harfen der Menschen fast immer in ähnlicher Art gebaut. Denn auch die Reiter von Rohan konnten keine allzu großen Harfen haben, wenn sie sie, gut in Leder eingewickelt, auf ihren Pferden mitnahmen.

Da die Menschen, ähnlich wie die Zwerge, ihre Harfen fast immer bei sich hatten auf ihren Wanderungen in Mittelerde, dürften diese Instrumente nur ein sehr geringes Gewicht gehabt haben. Eine schlanke, elegante Bauweise mit einem Resonanzkörper aus dem vollem Holzblock gearbeitet und mit Darmsaiten bespannt (Bärensehnen können wir nicht mehr so ohne weiters als Saitenmaterial verwenden) würde einen Klang ergeben, wie es Tolkien durch alle Zeitalter hindurch beschrieben hat.

Harfen dieser Bauart kennen wir noch aus der Zeit des Mittelalters bis hinein in die Renaissance. Natürlich haben die Menschen ihre Harfen, so wie die Elben auch, mit Ornamenten und Schnitzereien versehen. Eine Königs-Harfe aus Numenór könnte durchaus so ausgesehen haben wie in Zeichnung 2 dargestellt.

Zeichnung 2

Fortsetzung: Teil 5

Hinweise zu den Textstellen:

  • (1) Realms of TOLKIEN – Images of Middle-Earth; Harper Collins 1996; S. 15
  • (2) Tolkien, J.R.R., The Lost Road – The History of Middle-earth 5; Ballantine Books 1987; S. 391 u. 420
  • (3) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 2; Klett-Cotta 1996; S. 192
  • (4) Carpenter, Humphrey, J.R.R. Tolkien – Eine Biographie; Klett-Kotta 1979; S. 93, 156
  • (5) Steger, Hugo; Philologia Musika; Fink Verlag München 1971; S. 29 ff
  • (6) Tolkien, Chr. u. Carpenter H.; J.R.R. Tolkien Briefe; Klett-Kotta 1991; S. 228, 354,
  • (7) Tolkien, J.R.R.; Der kleine Hobbit; Bitter-Verlag 1993; S. 20
  • (8) Tolkien, J.R.R.; The Hobbit; Harper Collins 1997; S. 249
  • (9) Tolkien, J.R.R.; Nachrichten aus Mittelerde; Klett-Kotta 1993; S. 33 ff
  • (10) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe III; Klett-Kotta 1980; S.275, 349
  • (11) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 1; Klett-Cotta 1996; S. 40 ff, 67, 93,149, 167,
  • (12) Tolkien, J.R.R.; Das Silmarillion; Klett-Kotta 1994; S.21
  • (13) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe I; Klett-Kotta 1980; S. 420
  • (14) Noel, Ruth S.; The Languagesof Tolkien’s Middle-earth; Houghton Mifflin 1980; S. 5

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