Die Harfe in Mittelerde – Teil 3

Fortsetzung von Teil 2

Die Zwerge

So kommen wir zum ersten großen Meilenstein unsere Reise zur Erkundung der Harfe. Wir wenden uns den Zwergen zu.

So geheim die Sprache der Zwerge ist, welche sie niemanden anvertrauten, so geheimnisvoll ist auch ihre Instrumentenbaukunst. Es findet sich an keiner Stelle ein Hinweis, dass die Zwerge die Harfen von den Elben übernommen hätten. Eher können wir von der Möglichkeit ausgehen, dass die Zwerge ihre Handwerkskunst von Aule, dem Schmied der Valar, selbst gelernt haben. Naturgemäß fanden Edelmetalle und wertvolle Kristalle dabei Verwendung. Aufschlussreiche Hinweise über Harfen der Zwerge finden wir in Bilbos Aufzeichnungen seiner Reise zum Einsamen Berg.

Bilbo sah zum ersten Mal eine Zwergenharfe, als Thorin Eichenschild mit seiner Mannschaft bei Bilbo auftauchte und dort – nach einem reichhaltigen Mahl alte Lieder gesungen wurden. Neben vielen andern Instrumenten packte Thorin seine Harfe aus einem grünen Tuch. Es war eine wunderschöne goldene Harfe und als Thorin darauf zu spielen begann, erklang die Musik so plötzlich und süß, dass Bilbo alles andere vergaß. Er wurde in dunkle Lande hinweggeführt, unter seltsame Monde, weit fort über das Wasser, sehr weit von seiner Hobbithöhle entfernt.

Und die Zwerge sangen von ihrem alten Reich, ihrer Sehnsucht nach den Schätzen, von ihren goldenen Harfen, die dort seit langer Zeit liegen und die sie wiedergewinnen wollten. (7)

Am Ende gewinnen die Zwerge ihren Schatz im Einsamen Berg zurück. Fili und Kili waren in besonders guter Laune, da sie die vielen goldenen Harfen wieder fanden, die mit Saiten aus Silber bespannt waren. Smaug hatte diese Harfen nie berührt, da er kein Interesse an Musik hatte. Und als diese Harfen gespielt wurden, waren sie immer noch richtig gestimmt, denn es waren magische Harfen. Als das Reich der Zwerge nach Smaugs Tod belagert wurde und die Elben ihre Lieder zur Harfe sangen, holten auch die Zwerge ihre Harfen hervor – wenn auch nur um Thorin etwas zu besänftigen.

An dieser Stelle finden wir eine geniale Textkomposition. In der dritten Strophe lautet die zweite Verszeile: „ . . . While hammers fell like ringing bells…“ Gleich in der nächsten Strophe heißt es am Schluss: „ . . . from twisted wire the melody of harps they wrung . . .“ (8)

Die eminente Bedeutung dieser beiden Liedzeilen für den Instrumenten-Nachbau wird uns erst im Zusammenhang klar, wenn wir uns eine irische historische Harfe mit Metallsaiten vergegenwärtigen.

Wir hatten in unserer europäischen Geschichte eine Kulturepoche – es ist die Rede von den gälischen Kelten in Irland und Schottland, welche Harfeninstrumente hervorgebracht haben, die diesen Zwergenharfen ziemlich nahe kommen. Es gibt in den Museen nur mehr sehr wenige Exemplare dieser mittelalterlichen Instrumente. Die zwei berühmtesten sind die „Brian Boru Harfe“ aus dem späten 14. Jahrhundert im Trinity College in Dublin und die „Queen Mary Harfe“ im Nationalmuseum in Edinburgh. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammen beide Instrumente von demselben Handwerker. Diese Harfen waren mit reinen Bronzedrähten bespannt.

Wenn eine Harfe mit Metalldrähten bespannt ist, muss der Instrumentenbauer eine genau berechnete Saitenlänge und eine sich daraus ergebende geschwungene Linie einhalten (die so genannte Halskurve), auf der die Saiten mit Wirbeln befestigt sind (ähnlich wie der geschwungene Rahmen im Klavier). Da die Zugkräfte der Saiten sehr hoch sind, mußten diese Instrumente ziemlich klein, kompakt und robust gebaut sein. Das wiederum bringt den Instrumentenbauer in ein Dilemma. Denn im Bassbereich benötigt man für einen schönen Ton eine gewisse Saitenlänge. Die ist aber bei der kurzen Bauweise nicht vorhanden.

Daher hatten diese alten irischen Handwerker eine andere Lösung gefunden, nämlich: bei kurzer Saitenlänge das Gewicht der Saite zu erhöhen. Wenn im Bassbereich im Normalfall Messing oder Bronze verwendet wird, haben wir, um die Gewichtserhöhung zu erreichen, zwei Möglichkeiten: schwere Edelmetalle, wie zum Beispiel Goldsaiten zu verwenden oder zwei dünnere Bronzesaiten zu einer dickeren Saite zu verdrillen.

Das wahre Wunder dieser historischen Harfen erlebt man dann aber beim Spielen: Wenn diese Saiten nicht mit der Fingerkuppe, sondern mit Fingernägeln gespielt werden, erklingen sie „wie Glocken“.

„Die irische Harfe . . . ist jenseits aller Maßen süß im Ton.“ So schrieb Michael Praetorius im Syntagma Musicum noch um 1619.

J.G. Kohl schrieb1844: „Die Musik ist ursprünglich und kraftvoll, gleichzeitig melancholisch . . . schnelle Tonartwechsel und wilde Schönheit . . . (gemeint ist Carolan’s ‚Fairy Queen‘) Es ist eine charmante Musik, so zart, so feenhaft und gleichzeitig auch so wild und munter.“

In dieser Art dürfte auch Bilbo das Harfenspiel der Zwerge erlebt haben. Somit können wir aus seiner Beschreibung der Zwergenharfen folgendes schließen:

Die Harfen sind relativ klein, robust und nach harmonischen Maßverhältnissen gebaut. Baumaterial waren sicher verschiedene Hartholzsorten. Ornamente aus Gold oder Mithril-Silber sind selbstverständlich.

Sehr wahrscheinlich sind auch Einlegearbeiten aus wertvollen Kristallen und vielfarbigen Steinen. Die Saiten sind aus Bronze, Silber und Gold oder einer Mischung aus diesen Metallen. Auch wurden verdrillte Saiten für den schönen Klang verwendet. Eine mögliche Art, Zwergenharfen zu bauen sehen wir in der Zeichnung 1. Welcher Art die Magie war, damit die Harfen sich nie verstimmen konnten, wurde von den Zwergen nie verraten und ist heute vergessen.

Zeichnung 1

Fortsetzung: Teil 4

Hinweise zu den Textstellen:

  • (1) Realms of TOLKIEN – Images of Middle-Earth; Harper Collins 1996; S. 15
  • (2) Tolkien, J.R.R., The Lost Road – The History of Middle-earth 5; Ballantine Books 1987; S. 391 u. 420
  • (3) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 2; Klett-Cotta 1996; S. 192
  • (4) Carpenter, Humphrey, J.R.R. Tolkien – Eine Biographie; Klett-Kotta 1979; S. 93, 156
  • (5) Steger, Hugo; Philologia Musika; Fink Verlag München 1971; S. 29 ff
  • (6) Tolkien, Chr. u. Carpenter H.; J.R.R. Tolkien Briefe; Klett-Kotta 1991; S. 228, 354,
  • (7) Tolkien, J.R.R.; Der kleine Hobbit; Bitter-Verlag 1993; S. 20
  • (8) Tolkien, J.R.R.; The Hobbit; Harper Collins 1997; S. 249
  • (9) Tolkien, J.R.R.; Nachrichten aus Mittelerde; Klett-Kotta 1993; S. 33 ff
  • (10) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe III; Klett-Kotta 1980; S.275, 349
  • (11) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 1; Klett-Cotta 1996; S. 40 ff, 67, 93,149, 167,
  • (12) Tolkien, J.R.R.; Das Silmarillion; Klett-Kotta 1994; S.21
  • (13) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe I; Klett-Kotta 1980; S. 420
  • (14) Noel, Ruth S.; The Languagesof Tolkien’s Middle-earth; Houghton Mifflin 1980; S. 5

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