Die Harfe in Mittelerde – Teil 1

Vor fast zwei Jahrzehnten schrieb ich ein Manuskript über die Entwicklung der Harfe in Tolkiens Mittelerde. Im Laufe der Jahre wurde der Text mehrmals gründlich umgearbeitet. Ich hatte auch die Idee, zu all den Textstellen im Silmarillion, in dem Buch Der kleine Hobbit und ganz besonders in dem groß angelegten Werk Der Herr der Ringe, in denen die Harfe erwähnt wird, die passenden Instrumente – sozusagen wie „Artefakte“ aus Mittelerde – zu bauen.

Es wäre auch ein Ziel gewesen, dass in Gemeinschaftsarbeit mit einem Schwertschmied, der sich für diese Sache hätte begeistern können, immer epochenweise das jeweilige Paar „Harfe und Schwert“ gebaut werden könne. Das ließ sich nicht verwirklichen. Eines Tages traf ich Heidi Steimel in Kopenhagen bei einem Mittelerde-Konzert, und ich erhielt die Anfrage dieses Manuskript für eine Sammlung von Aufsätzen zur Verfügung zu stellen.

Dieser Essay – als Resultat meiner langjährigen Arbeit zur Harfe in Mittelerde – wurde erstmalig veröffentlicht in der Anthologie „Musik in Mittelerde“ im Rahmen der „Edition Stein und Baum – Band 4“, Herausgeber: Friedhelm Schneidewind und Heidi Steimel, Verlag der Villa Fledermaus, Saarbrücken.

Hier folgt nun der Text in ungekürzter Fassung:

Die Harfe in Mittelerde

Da begannen die Stimmen der Ainur zu erschallen wie Harfen und Lauten . . .

aus der Chronik der Elben: SILMARILLION, Ainulindale

Viele Künstler haben sich in den Jahrzehnten seit dem Erscheinen des „Herrn der Ringe“ mit Mittelerde beschäftigt, besonders vielfältig natürlich auf dem Gebiet der Malerei. Oder Geologie: da gibt es Landkarten – ja sogar ganze Atlanten, und Sprachwissenschafter befassen sich mit Quenya und Sindarin. Da dies ja J. R. R. Tolkiens Spezialgebiet schlechthin war, rückt Mittelerde als „Forschungsobjekt“ natürlich zum Greifen nahe.

Es ist jedoch erstaunlich, wie oft bestimmte Musikinstrumente im Werk Tolkiens zu finden sind, wenn man erst einmal darauf aufmerksam geworden ist. Sicher, im Sagenschatz der Altvorderenzeit geht es um die Silmaril, in späteren Zeitaltern um die Großen Ringe. Und es gibt noch viele andere wertvolle Kleinodien aus Numenor – wie die Palantiri, den Stein von Erech, Galadriels Phiole und Erbstücke der Noldor und der Menschen des Westens. Diese kennen wir und sie sind von großer Bedeutung. Doch durch alle Zeitalter hindurch werden Musikinstrumente erwähnt. Eines davon ist die Harfe.

Wie steht es nun, wenn wir einen Gegenstand aus Mittelerde hier in unserer Welt tatsächlich bauen wollen? Ein „Nach“-Bau eines bloß erwähnten Gegenstandes einer fiktiven Geschichte ist ein risikoreiches Unterfangen. Denn außer dem „Roten Buch der Westmark“ haben wir keine Überlieferungen.

Hier an dieser Stelle sei es gestattet, dass ich persönliches einschiebe. Jeder, der die Geschichte des Herrn der Ringe kennt, weiß es, oder kann sich zumindest erinnern, dass Galadriel beim Abschied der Gefährten in einer Barke steht – mit einer Harfe in der Hand. Dann machte ich eines Tages eine Entdeckung: In dem Bildband Realms of Tolkien – Images of Middle-Earth (1) fand ich ein Gemälde, welches genau diese Szene darstellt: Das Schwanenschiff von Lorien. Es ist eine kolorierte Zeichnung der Italienerin Maura Boldi – und Galadriel hält dabei eine Lyra in der Hand. Das mag vielleicht nur eine Nebensächlichkeit sein, denn die Bildkomposition ist wunderbar und einmalig. Ich gehöre zur Zunft der Musikinstrumentenbauer und daher macht es für mich allerdings einen Unterschied, ob es eine Harfe ist oder eine Lyra. Wer Tolkien kennt, weiß auch, mit welcher Liebe zur Sprache und Genauigkeit in der Wortwahl er Gegebenheiten schilderte. Was hat es also mit der Harfe – und nicht einer Lyra – auf sich? Davon handelt dieser Aufsatz.

Das Schwanenschiff – Galadriel mit einer Lyra / Illustration von Maura Boldi

Auf unserer Spurensuche stellen wir uns zuerst einige Fragen, deren Beantwortung uns vielleicht die erhofften Hinweise zu einem Nachbau bringen können. In der Instrumentenbaukunst selbst liegt es begründet, dass wir Rückschlüsse aus den folgenden Kriterien ziehen können: Aus welchen Materialien sind sie gebaut? Wie groß waren die Harfen und welche Formgebung hatten sie bei den verschiedenen Völkern der Elben, Menschen, Hobbits und Zwerge? Und vor allem interessiert uns heute: wie mögen die Harfen geklungen haben?

Wir beginnen also mit dem Wort „Harfe“.

Obwohl die Elben allen Dingen von Arda einen Namen gaben, ist uns die exakte Bezeichnung dieses Musikinstrumentes weder in der Hochelbensprache noch in Sindarin überliefert. Nur in der Etymologie der Elbensprachen werden wir fündig: Bei der Auflistung der Sprachwurzeln gibt es zwei aufschlussreiche Hinweise (2). Einen ersten finden wir im Zusammenhang mit der hypothetischen Wurzel „BOR“. In Quenya hat sich die Silbe voro“ herausgebildet mit der Bedeutung: „immer“, „kontinuierlich“. Dies wird z. B. als Präfix verwendet in voro-gandele„mit der Harfe immer das Gleiche spielen“ als Synonym für „andauernde Wiederholungen“.

Der zweite Hinweis führt uns direkt zur Harfe: Die Wurzel „ÑGALbzw. ÑGÀNAD-„ bedeutet soviel wie „spielen“ – und zwar ein Saiteninstrument. Daraus hat sich entwickelt: „ñande“ (Quenya) für Harfe; „ñandelle“ – kleine Harfe; „ñandele“ – harfenspielen; „ñandaro“ – der Harfenist; in Noldorin (dem Sindarin verwandt) hat sich die Wurzel entwickelt zu „gandel“ oder „gannel“ für Harfe; „gannado“ oder „ganno“ für das Spielen der Harfe, und „talagant“ für Harfenspieler (abgeleitet aus dem hypothetischen „tyalangando“)

Daraus hat sich z. B. der männliche Name „Salgant“ entwickelt. In der Erzählung „Der Fall von Gondolin“ (3) trug ein Elbenkrieger diesen Namen. Er war der Anführer jener Schar in Gondolin, die sich „das Volk der Harfe“ nannten. – Ihr Wappen zeigte eine silberne Harfe auf schwarzem Grund, doch Salgants Wappen zierte eine goldene Harfe. – Doch greifen wir nicht zu weit vor!

Warum wird nun ausgerechnet die Harfe weit öfter als jedes andere Instrument erwähnt? Tolkien war der Spezialist für Altenglisch. Schon während seiner Studienzeit las er das große Beowulf-Epos im Urtext. Nicht nur zog ihn der historische Reiz an, welches die frühe Form seiner eigenen Sprache auf ihn auswirkte, sondern ihm erschien dieses Werk als eines der ungewöhnlichsten Dichtungen aller Zeiten. Auch später war für ihn Beowulf eine Inspirationsquelle und reiches Arbeits- und Lehrmaterial zugleich. Dazu schildert Humphrey Carpenter in seiner Biographie Tolkiens folgendes:

Ein berühmtes Beispiel hierfür, an das sich alle erinnern, die ihm bei Vorlesungen hörten, war die Einleitung zu seiner Vorlesungsreihe über Beowulf. Er kam schweigend in den Raum, blickte den Hörer lange an und begann dann plötzlich, mit tönender Stimme, die Anfangszeilen des Gedichtes im angelsächsischen Urtext zu deklamieren – beginnend mit dem lauten Ausruf „Hwæt!“ (das erste Wort dieses und mehrerer anderer englischer Gedichte), das manche Studenten als „Quiet!“ (Ruhe!) verstanden. Es war weniger ein Gedichtvortrag als vielmehr eine dramatische Aufführung, die Darstellung eines angelsächsischen Barden in einer Methalle, die Generationen von Studenten beeindruckte, weil sie ihnen klarmachte, dass Beowulf nicht bloß eine Pflichtlektüre für Prüfungen ist, sondern ein machtvolles und dramatisches Stück Dichtung. Wie einer seiner ehemaligen Studenten, der Schriftsteller J. I. Steward es ausgedrückt hat: „Er konnte den Hörsaal in eine Methalle verwandeln, in der er der Barde war und wir die schmausenden, zuhörenden Gäste.“ Ein anderer Hörer, der diesen Vorlesungen beigewohnt hat, war W. H. Auden, der Tolkien viele Jahre später schrieb: „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen je gesagt habe, was für ein unvergessliches Erlebnis es für mich als Studenten war, als ich Sie Beowulf rezitieren hörte. Die Stimme war die Stimme Gandalfs.“ (4)

Fortsetzung: Teil 2

Hinweise zu den Textstellen:

  • (1) Realms of TOLKIEN – Images of Middle-Earth; Harper Collins 1996; S. 15
  • (2) Tolkien, J.R.R., The Lost Road – The History of Middle-earth 5; Ballantine Books 1987; S. 391 u. 420
  • (3) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 2; Klett-Cotta 1996; S. 192
  • (4) Carpenter, Humphrey, J.R.R. Tolkien – Eine Biographie; Klett-Kotta 1979; S. 93, 156
  • (5) Steger, Hugo; Philologia Musika; Fink Verlag München 1971; S. 29 ff
  • (6) Tolkien, Chr. u. Carpenter H.; J.R.R. Tolkien Briefe; Klett-Kotta 1991; S. 228, 354
  • (7) Tolkien, J.R.R.; Der kleine Hobbit; Bitter-Verlag 1993; S. 20
  • (8) Tolkien, J.R.R.; The Hobbit; Harper Collins 1997; S. 249
  • (9) Tolkien, J.R.R.; Nachrichten aus Mittelerde; Klett-Kotta 1993; S. 33 ff
  • (10) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe III; Klett-Kotta 1980; S.275, 349
  • (11) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 1; Klett-Cotta 1996; S. 40 ff, 67, 93,149, 167
  • (12) Tolkien, J.R.R.; Das Silmarillion; Klett-Kotta 1994; S.21
  • (13) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe I; Klett-Kotta 1980; S.420
  • (14) Noel, Ruth S.; The Languagesof Tolkien’s Middle-earth; Houghton Mifflin 1980; S. 5

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