Die Goldene Lyra aus Sumer (1)

Persönliche Gedanken zu einem der unglaublichsten und phantastischsten Instrumentenbau-Abenteuer am Anfang des Dritten Jahrtausends:

Aus einem sumerischen Lied:

In Deinem Haus hoch oben // In Deinem geliebten Haus will ich wohnen // Hoch oben auf Deinem zedernduftenden Berg // In Deiner Zitadelle // O Nanna, in Deinem Palast in Ur // Will ich wohnen

Immer wieder gibt es Zeiten, da die Götter unter Menschenkindern wandeln und ihre Berührung unser Leben für immer verändert.
So hat auch mich die Berührung Ningals (1) – zuerst nur kaum wahrnehmbar,
doch dann immer stärker – zu der Aufgabe geführt, die Goldene Lyra der sumerischen Königin Pu-Abi wieder neu zu bauen.

Dies geschah in jenen Tagen als die amerikanisch-irakischen Kriegswirren im Frühling 2003 begannen.
Zu dieser Zeit habe ich den Ruf vernommen.

NIN.GAL – sumerische Göttin (2)
Diesen anklagenden Ausdruck einer Frau hat ein
Meisterkünstler aus Ur in Alabaster eingefangen.

Es ist die Göttin Ningal, die Gattin des Mondgottes
Nanna, des Schutzherrn von Ur.

Die Hoheprieserinnen vollzogen wahrscheinlich in ihrem Tempel ein der Göttin Ningal geweihtes heiliges Vermählungsritual.

*

Was immer Du tun kannst // Oder erträumst, tun zu können, // Beginne es! // Kühnheit besitzt // Genie, Macht und magische Kraft. // Beginne es jetzt.

Johann Wolfgang von Goethe

Und eines der größten Instrumentenbau-Abenteuer zum Beginne des Dritten Jahrtausends – die Rekonstruktion der Goldenen Lyra von Ur – nahm seinen Anfang.
Es fanden sich daraufhin viele Menschen aus aller Welt, die uns in jedweder Weise unterstützen und Freunde – allen voran meine Freunde Mohamad, Peter, Filip und Florian mit denen zu arbeiten für mich eine große Freude und Ehre ist.
Nur im seelischen Zusammenklang von Freundschaft und Herzenskraft kann und wird diese Lyra von neuen erstehen und der Klang des Stier-Lyra wird nach viereinhalb Jahrtausenden wieder die Menschen an die Sphärenklänge erinnern.

Nun ist die Lyra im Entstehen: Aus irakischem Zedernholz, Lapislazuli, Perlmutt, rotem Stein, Silber und Gold.

Meine Aufgabe ist es, das Musikinstrumentnstrument (Resonanzkasten, Arme und Joch) zu rekonstruieren und die sumerische Stimmung der Saiten zu erforschen … oder zu finden.
Nach vielen Jahrtausenden in der Erde ist vom ursprünglichen Holz nichts mehr geblieben. Nur ein Hohlraum im dichten Sand – und vom Klang und der Musik der alten Instrumente wissen wir überhaupt nichts. Dieser ist vor ungefähr 4700 Jahren verstummt.

Mohamad hat die gewaltige Aufgabe übernommen, das Stein-Mosaik mit nahezu dreitausend kleinen, sorgfältig geschnittenen blauen, roten und weißen Steinchen wieder neu zu zeichnen und zu erschaffen. Mittlerweile dürfen wir für die Herstellung dieses antiken Mosaiks uns über großartige, unschätzbare und selbstlose Hilfe der Schleifergruppe der Müncher Mineralienfreunde freuen und möchten ihnen einen ganz besonderen Dank aussprechen.
Filip hat dem Stierkopf – das irdische Abbild des Fruchtbarkeitsgottes – wieder die Form geben.
Und letztendlich wird Peter nach uralter Goldschmiedekunst mit papier-dünnen Platten aus reinstem Feingold den Stierkopf umhüllen und die Gold-Flächen an den beiden Armen zwischen den Steinornamenten auftragen.

Wenn all dies geschehen ist, werden elf Saiten die Lyra zum Leben erwecken. Musiker und Künstler dieser Welt werden die Goldene Lyra von Ur erneut zum erklingen bringen.

Und eines Tages, der hoffentlich nicht mehr allzu fern ist, wird die Lyra wieder in die Heimat zurückkehren . . .

. . . in das Land zwischen Euphrat und Tigris als Botschaft des Friedens!

Mohamad Aljanabi und Norbert Maier bei der Vorstellung der Goldenen Lyra von Ur (gerade in Bau) im Rahmen der Sonderausstellung der Münchner Mineralientage 2015 (im Hintergund Balwina Maier)

*

Ur in Chaldäa

Ur
Das vielgepriesene Ur
Ach . . . schon der Name dieser untergegangenen Stadt birgt einen Zauber
Die Königin der Städte des Alten Reiches!
Die schönste aller Städte!
Die Stadt der Künstler und Handwerker
Welch andere Stadt ist je von einem herausragenden Kenner und Liebhaber der holden Musik verwaltet worden . . .
Schulgi, der junge König spielte meisterlich auf der Lyra

Ach . . . Ur
Mit deinen Tempeln und Musikschulen
Und dem Stufenturm aus gebrannten Ziegelsteinen und einer Tempeltreppe aus drei Läufen mit jeweils über hundert Stufen . . .
Und der Spitze des Tempels mit dem lieblichen Schrein
Wo die Könige an Festtagen der Göttin beiwohnten

Zikkurat von Ur, Rekonstruktionszeichnung (nach Sir Leonard Woolleys Theorie) von György Doczi (3)

Mit deinen Kanälen nach Norden, Süden, Osten und Westen,
die aus den Wassern des mächtigen Flusses Euphrat gespeist wurden
Ur, das Land des Flusses und der Bäume
Euphratpappel, Babylonweide, Tamariske,
Zypresse und Aleppo-Kiefer
Seltene und kostbare Waren kamen nach Ur
Ebenholz und Sandelholz aus Indien
Libanonzeder aus dem Norden
Elfenbein und Gold aus dem Lande Ophir und Ägypten, Silber und Lapislazuli aus Persien
Perlmutt aus Dilmun

Aber das ist nun alles vorbei . . .

Heil Euch, Ihr Handwerker von Ur
Heil Euch, Ihr Schmiede und Künstler

Ferne Erinnerung aus Atlantis
ließen Euch große Meisterwerke errichten

Doch dies sind die größten:
Drei Lyren aus Gold und Silber
für die Könige von einst
Dazu goldene Becher und Dolche

Eine Goldene Lyra für Pu-Abi
Der Königin und Priesterin Ningals
Eine Lyra die Göttin zu preisen –
Eine Lyra die Menschen auf ihren letzen
Tanz zu begleiten –
Eine Lyra die Menschen zu trösten
auf ihrer letzten Reise zu den Göttern

Die Dienerschaft der Königin stieg singend in ihr Grab.
Stark durch den Glauben, auf den Weg zu den Göttern zu sein, schritten sie zur Musik einer Lyra aus Gold und Lapislazuli die Rampe hinab.

Mit dem Hinscheiden der Königin verstummte die Lyra in der Todesgrube tief unter der Erde.

Viereinhalb Jahrtausende lang wusste niemand mehr um die Macht der Sternenklänge.

Bis sie eines Tages wieder gefunden wurde . . . in einem neuen Zeitalter . . .

und wieder zerstört wurde durch das feurige Schwert des Krieges, das in dieses Land getragen wurde.
Doch Pu-Abi und die Göttin sind erwacht

und warten . . .

Und die Lyra spürt, dass ihre Zeit gekommen ist . . .

*

Siehe auch: Beiträge zur Goldenen Lyra aus Sumer: „wie alles begann (2)„, Die Idee wird Realität (3),

Anmerkungen und Literaturhinweise:

(1) NIN.GAL = die sumerische Göttin des Sternenhimmels. Der Name bedeutet soviel wie: Laut rufende Herrin

(2) Bild aus einem alten Buch über Mesopotamien. Da ich das Buch leider nicht mehr habe (verliehen und nicht mehr zurückbekommen), weiß ich den Buch-Titel und Verlag als Bildquelle nicht mehr.

(3) György Doczi: Die Kraft der Grenzen – Harmonische Proportionen in Natur, Kunst und Architektur / Verlag Engel & Co, Stuttgart, 2005

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