Dialogisches Herangehen an Kulturerbefragen

Dieser Artikel von Florian Warum erschien im Sammelband „Die Kunst der Begegnung – Dialogfelder der österreichischen Außenpolitik“ des Österreichischen Außenministeriums.

Die Goldene Lyra von Ur

Die Bilder von der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan oder der antiken Stadt Palmyra schmerzen. Dieser Schmerz verweist auf eine Erkenntnis , auf der auch das UNESCO-Welterbekonzept gründet: Es gibt natürliche Erhabenheit in menschlichem Schaffen, die über Zeit Raum hinweg unmittelbar auf uns wirkt – unabhängig von kultureller Prägung und den sozialen und ökonomischen Umständen, in denen wir uns befinden. Der Schutz von Welterbe unter der Ägide der UNESCO ist ein wichtiges Anliegen der Staatengemeinschaft. Wo dieser Schutz nicht möglich war, werden internationale Mittel für den Wiederaufbau verlorenen Kulturgutes zur Verfügung gestellt.

Mögen auf der Ebene des Welterbekomitees kunstgeschichtliche, museale und enzyklopädische Belange im Vordergrund stehen – auch die dialogische Chance, zu der Kunstwerke dieser Qualität inspirieren, sollte genutzt werden. Sind doch die meist spontan ausgelösten Empfindungen tragfähige Impulse für interkulturelle Verständigung und Kooperation. Ein dialogisches Herangehen an Fragen des Kulturerbes ermöglicht es auch, den Verlust von Kulturgütern in Konflikten konstruktiv zu verarbeiten.

Die zivilgesellschaftliche Initiative zur Rekonstruktion der Goldenen Lyry von Ur, die im Jahre 2003 im Museum von Bagdad zerstört wurde, soll solche Dynamiken beispielhaft verdeutlichen.

Angesichts der Zerstörungen von Kunstschätzen im Antikenmuseum von Mossul 2015 begann die Task Force „Dialog der Kulturen“ im BMEIA (Bundesministerium Europa, Integration und Äußeres), eininterkulturelles Friedensprojekt zu unterstützen, das der Instrumentenbauer Norbert Maier als Privatperson ins Leben gerufen hatte: den gemeinschaftlichen Nachbau der Goldenen Lyra von Ur. Betroffen von der anhaltenden Gewalt im Irak, begann Norbert Maier gemeinsam mit einem Südtiroler Bildhauer, einem buddhistischem Goldschmied, einem aus dem Irak stammenden Architekten und den Münchner Mineralienfreunden eines der ältesten Musikinstrumente der Welt in altem, neuen Glanz wiedererstehen zu lassen.

Der Tiroler Harfenbauer, der durch seine musische Sensibilität schon früh auf die Lyra aufmerksam geworden war, erlebt die innige Auseinandersetzung mit einem Instrument von generationen- und kulturübergreifender Bedeutung als Ermächtigung. Die Motivation, mit der dank seiner Initiative mittlerweile zahllose Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen an einem Handwerksprojekt arbeiten, beschreibt er dahingehend, daß das gemeinsame Tun in freier und menschenwürdiger Weise dem Instrument eine Qualität mitgebe, die handwerkliche Meisterschaft allein übertreffe. Gleichzeitig berichten die am Projekt Beteiligten, daß durch die Art des dialogischen und interkulturellen Prozesses, in dem das Instrument wiederentsteht, verlorengegangenes Wissen und Handwerkskunst er eigenen Kultur zurückgewonnen werde.

Ein Dialog mit den eigenen kulturellen Wurzeln ist in Gang gesetzt worden, ebenso ein Dialog des Schaffens. Man sieht, wie andere an die Arbeit herangehen, aus welchen Erfahrungsquellen sie schöpfen. Und man erlebt, wie aus der gegenseitigen Anschauung, der gegenseitigen Wahrnehmung Beziehungen entstehen. Auch zum Objekt selbst, das aus seiner passiv-defensiven Funktion als bewahrungswürdige Ikone heraustritt und ungeachtet seines objektiven Wertes – immerhin werden Gold, Silber, Perlmutt und Lapis verarbeitet – zu einem praktischen Diskursobjekt wird. Norbert Maier berichtet, daß es in keiner Projektphase zu Streit gekommen sei. Die Verständigung liege im Werk, die englische Sprache diene den Handwerkern nur als Hilfsmittel.

In der österreichischen Auslandskulturarbeit wurde man durch den spezifisch emphatischen und nonverbalen kreativen Ansatz auf das internationale Projekt aufmerksam. Norbert Maier beschreibt, wie er sich in das zu rekonstruierende Instrument einfühlt, das ein anderer vor 5000 Jahren in Mesopotamien gebaut hat, und damit in einen Dialog mit einer Epoche und einem Raum tritt, der in unserem Innern – in welcher Form auch immer – weiterhallt. Der so entstandene Respekt für die Handwerkskunst und die Kultur des Raumes, dem die Lyra von Ur zugehört, leitet seine Schritte im Projekt.

Die Projektverantwortlichen arbeiten inzwischen mit den irakischen Behörden und zahlreichen diplomatischen Vertretungen zusammen, um die Fertigstellung des Instrumentes zu beschleunigen. Aber auch um Zeugnis abzulegen von dem tiefen Verständnis, das ein als gemeinsam erlebtes kulturelles Erbe bewirkt und das den zeitlichen Bogen, auf den die Lyra verweist, und nicht den Bruch von Identität erlebt und darin eine Möglichkeit zur gemeinsamen kreativen Weiterentwicklung sieht.

Das in Konstruktion befindliche Instrument wurde am Tag des Denkmals 2017 in der irakischen Botschaft in Wien vorgestellt und inspirierte das Publikum der österreichischen Auslandskulturtagung im gleichen Jahr.

Vom Lyra-Projekt lassen sich Bezüge zum gesamten Kosmos des Europäischen Kulturerbejahres 2018 herstellen: Vom Aspekt der Teilhabe bis zur Bedeutung des Unterfangens für den sozialen Zusammenhalt, vom Kulturaustausch bis zu dessen identitätsstiftender Funktion, von der Bedeutung des Projektes für aus dem Irak Geflüchtete bis zur bereits unter Beweis gestellten Kraft des noch nicht ganz vollendeten Instruments, Empathie zu erzeugen. Angesichts der bevorstehenden Fertigstellung der Lyra ergibt sich die bewegende Frag, welche Wirkung das Instrument über seinen sinnlichen Wert hinaus entfalten wird, wenn es einmal zurück in Bagdad ist.

Die Lyra von Ur – in progress – bei der Österreichische Auslandskulturtagung 2017. Ing. Norbert Maier im Gespräch mit der ORF-Moderatorin Mirjam Jessa und der der Österreichischen Botschafterin in Belarus / Minsk, Frau Dr. Aloisia Wörgetter.

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