Die Harfe in Mittelerde – Teil 6

Fortsetzung von Teil 5

Am Ende des Weges

Hier nun, am Ende unserer Betrachtungen, blicken wir noch einmal zurück. Über all die Zeitalter von Arda wurde die Harfe gespielt, und dabei bietet sich uns das folgende überschaubare Panorama:

Bei den Menschen und Zwergen wurden die Harfen meistens dann hervorgeholt, wenn es großes zum Feiern gab, wenn Helden zu besingen waren, wenn Könige gekrönt wurden, kurz gesagt: mitten im Leben.

Wie sieht es bei den Elben aus? Hier erfahren wir von J. R. R. Tolkien, dass die Harfe erklingt bei der Erschaffung der Welt, wenn die Elben bei den Göttern des Westens sitzen. Aber auch, wenn Dinge zu Ende gehen – beim Abschied der Gefährten in Lorien, bei der letzten Reise zu den Grauen Anfurten – anders ausgedrückt: Bei den Anfängen und bei den Abschieden.

Mitten im Leben spielen wir Menschen die Harfe heute noch. Was ist uns jedoch von diesen Momenten des Beginnens und des Hinscheidens geblieben? Eine Ahnung davon können wir noch empfinden beim Miterleben der Jahreszeiten. Die Zeit des Erwachens spüren wir im Frühjahr und die Zeit des Verwelkens im Herbst – jene kaum mehr wahrgenommenen Grenzzeiten der Tag- und Nachtgleichen. Auch im Tageslauf finden wir diesen Rhythmus im Wechsel von Morgendämmerung und Abendrot nach dem Sonnenuntergang. Diese Jahresperioden und Zwielicht-Zeiten sind es aber, von denen uns die alten Mythen berichten, dass hier die Tore zur Elbenwelt manchmal an verborgenen Plätzen noch offen stehen.

Vielleicht begibst Du Dich, geneigter Leser, einmal auf eine Reise in einen Wald. Am besten ist es zu einer Zeit, wenn im Spätsommer bei Vollmond in der Abenddämmerung die sanften Brisen über die Baumwipfel streichen und die Luft von der Sonne noch warm ist und nach Rinde und Hochmoor riecht. Dann kann es sein, wenn Du in der richtigen Gemütsverfassung bist, dass Dir die Elben eine besondere Gnade gewähren und Du ihre Musik hören kannst. In jedem Menschen klingt das anders, vielleicht mag es auch so klingen, wie Tolkien es in einem seiner frühesten Gedichte ausdrückte. Es ist ein Lied der Elben, die sich an ihre Heimat im Westen, an Kortirion, erinnern. Es trägt den (leider unvollständigen) Titel: Narquelion la … tu y aldalin Kortirionwen„Herbst unter den Bäumen von Kortirion“ (11). Die Musik der Elben wurde nie schöner beschrieben. Dort heißt es in der zweiten Strophe:

Du bist der innerste Bezirk der verlassenen Insel, wo noch die Einsamen Scharen weilen. Doch manchmal ziehen sie, unverzagt, langsam hintereinander mit klagenden Harmonien über Deine Pfade. Die heiligen Feen und unsterblichen Elben, die unter den Bäumen tanzen und einander vorsingen – ein sehnsuchtsvolles Lied von Dingen, die waren und noch sein könnten…

Und wenn Du wieder auf dem Heimweg bist, mit Musik und Sehnsucht im Herzen und dem Wunsch, diese unendlich schöne Musik spielen zu können, gibt es nur eine Hoffnung und eine Möglichkeit: Es ist das Spiel der Harfe.

Namarie

Hinweise zu den Textstellen:

  • (1) Realms of TOLKIEN – Images of Middle-Earth; Harper Collins 1996; S. 15
  • (2) Tolkien, J.R.R., The Lost Road – The History of Middle-earth 5; Ballantine Books 1987; S. 391 u. 420
  • (3) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 2; Klett-Cotta 1996; S. 192
  • (4) Carpenter, Humphrey, J.R.R. Tolkien – Eine Biographie; Klett-Kotta 1979; S. 93, 156
  • (5) Steger, Hugo; Philologia Musika; Fink Verlag München 1971; S. 29 ff
  • (6) Tolkien, Chr. u. Carpenter H.; J.R.R. Tolkien Briefe; Klett-Kotta 1991; S. 228, 354,
  • (7) Tolkien, J.R.R.; Der kleine Hobbit; Bitter-Verlag 1993; S. 20
  • (8) Tolkien, J.R.R.; The Hobbit; Harper Collins 1997; S. 249
  • (9) Tolkien, J.R.R.; Nachrichten aus Mittelerde; Klett-Kotta 1993; S. 33 ff
  • (10) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe III; Klett-Kotta 1980; S.275, 349
  • (11) Tolkien, J.R.R., Das Buch der verschollenen Geschichten 1; Klett-Cotta 1996; S. 40 ff, 67, 93,149, 167,
  • (12) Tolkien, J.R.R.; Das Silmarillion; Klett-Kotta 1994; S.21
  • (13) Tolkien, J.R.R.; Der Herr der Ringe I; Klett-Kotta 1980; S. 420
  • (14) Noel, Ruth S.; The Languagesof Tolkien’s Middle-earth; Houghton Mifflin 1980; S. 5

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