Die gallische Lyra – Teil 1

Versuch einer Rekonstruktion einer vorchristlich-gallokeltischen Lyra

Wenn Musikinteressierte die Frage stellen, was denn nun eine „keltische Harfe“ und das Spezielle daran sei, so ist es mit einer knappen Erklärung nicht getan. Einerseits ist dieser Begriff fast jedem bekannt, andererseits kommt  man um die Hinweise nicht herum, dass es sich hierbei um einen ungenauen Sprachgebrauch handelt.

Dies gilt besondersfür jene Länder, wo sich die keltische Kultur bis heute mehr oder weniger stark erhalten hat. Die alten Kelten der Römerzeit hatten, soweit wir heute wissen, keine Harfen. Wie sahen dann aber ihre Zupfinstrumente aus?

Die Auseinandersetzung mit dieser Frage führte vor einigen Jahren zu dem Projekt, ein derartiges Instrument zu rekonstruieren (Quellenmaterial: siehe am Ende des Berichtes)

Aus der Archäologie

Die Auswahl fiel auf eine fünfsaitige Lyra wie sie Leopold Vorreiter in seinem Buch „Die schönsten Musikinstrumente des Altertums“ beschreibt (1). Es handelt sich um ein Instrument aus der Familie der Hochovalring-Lyren (Hellenisch: Hypselo phodoi kraspedoi lyrioi / Lateinisch: erecto ovo marginis fides).

Auf einer Bronzemünze (einem Ar-Denar, ca. 70 bis 50 v. Chr.) der Kadurker, die im Flußgebiet des Lot in der Nord-Provence siedelten, ist eine Lyra dieser Art dargestellt:

Historische gallische Lyra
Hochovalring-Lyra, siehe Literatur-Hinweis 1

Wie groß ist so eine Lyra

Für die Größe des Instrumentes kamen folgende Kriterien in Betracht.

Es soll ein handliches Instrument sein, welches der Barde dazumal vermutlich in der linken Hand hielt. Mit der rechten Hand werden die Saiten angeschlagen. Das sollte auch im Sitzen möglich sein, wenn das Instrument auf dem linken Oberschenkel ruht;

Die durchschnittliche Körpergröße der damaligen Bevölkerung kann man auch berücksichtigen. Allerdings ist dieses Forschungs-Gebiet etwas unsicher.

Unter Berücksichtigung der beschränkten technischen Voraussetzungen und rauhen Lebensumstände stellt ein Musikinstrument, ganz speziell ein Saiteninstrument, immer einen erheblichen Wert dar. Obwohl man weiß, dass die frühe Musizierpraxis sehr oft mit der Ausübung religiöser Riten verbunden war, ist vielleicht nicht anzunehmen, dass man in den gallischen Wäldern eine Lyra größer als notwendig gebaut hat.

Dadurch ergab sich bei meiner Rekonstruktion eine Gesamtlänge von 49 cm.

Materialien

Als Hölzer verwendete ich Bergahorn (Acer pseudoplatanus) für den Ovalring und Buchenholz (Fagus sylvatica) für Joch, Verbundkugeln und Arme. Also Hölzer, die auch dazumal in südlicheren Teilen Galliens vorhanden waren (1). Für die Besaitung kam Seide noch nicht in Frage.

Aus klanglich-akustischen Gründen entschied ich mich – anstelle von Bärensehnen (was einige Probleme bereitet hätte) und Pferdehaar – für (moderne) Schafdarmsaiten. Dies nicht zuletzt wegen des Vorteils, die Besaitung relativ genau berechnen zu können.

Zum Bau

Der Ovalring ist aus einem Stück herausgearbeitet. Zur akustischen Verstärkung wurde der Ring auf der Rückseite ausgehöhlt und ein Deckel aufgesetzt (ähnlich der 1400 Jahre späteren keltischen Metallsaitenharfe).

Auf der Unterseite wurde ein kleiner Zapfen eingelassen um den Saiten-Haltering aus Bronze in der Form eines Torques befestigen zu können. Die Musikarchäologie gibt hier nur sehr vage Angaben (1).

Die beiden Arme sind in zwei Aussparungen der Ovalring-Außenseite hineingesteckt, ebenso das Joch in die beiden Verbundkugeln.

Zur Ornamentik

Sieht man sich die Gegenstände des täglichen Lebens wie auch wertvolle Güter reicher Häuptlinge an (aus Grabfunden und dergl.), erkennt man sofort, dass immer auch künstlerische Elemente in die Arbeit eingeflossen sind.

Je wertvoller eine Gegenstand war, um so mehr kam dies durch die reiche und edle Art der Verarbeitung zur Geltung. Ich kann derAnsicht L. Vorreiters, dass die gallo-keltischen Lyren im Vergleich zu den hellenistischen Instrumenten eher schlicht ausgeführt waren, zustimmen, doch möchte ich zudem darauf hinweisen, dass gerade die Kelten eine Vorliebe für eine ihnen eigene, ganz besondere, Ornamentik besassen.

Um wieviel mehr muß das für eine Lyra gegolten haben, die (aus dem alltäglichen Leben schon sehr abgehoben) nur für den Barden bzw. Druiden bestimmt war, der allein das Recht hatte, vor Königen und bei Ritualen damit zu wirken (4; 5).

Bei der Auswahl einer passenden Verzierung in der Technik der Holzbrandmalerei griff ich auf Muster zurück, welches auf Vasen und Halsbändern bei Ausgrabungsarbeiten in Bussy-le-Chìateau (Marne) zutage kamen und aus der gleichen Zeitepoche datieren (2).

Fortsetzung: Die gallische Lyra – Teil 2

Verwendete Literatur und Quellen:

1. L. Vorreiter: Die schönsten Musikinstrumente des Altertums, Verlag Das Musikinstrument, Frankfurt am Main, 1983

2. Amt der Salzburger Landesregierung, Kulturabt.: Katalog zur SalzburgerLandesausstellung, Keltenmuseum Hallein, 1980

3. M. Renold: Von Intervallen, Tonleitern, Tönen und dem Kammerton c = 128 Hz, Verlag am Goetheanum, Dornach 1992

4. J. Markale: Die Druiden, Goldmann Verlag, München 1989

5. R. Van Royen und S. Van der Vegt: Asterix – die ganze Wahrheit, Beck Verlag, München 1998

6. R. Steiner: Das Wesen des Musikalischen und das Tonerlebnis im Menschen, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991

7. F. Oberkogler: Tierkreis- und Planetenkräfte in der Musik, Novalis Verlag, Schaffhausen 1987


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